Zwischen Pflanzen jedweder Art, stachligen Rosen, buntem Flieder und rankenden Dschungel Geäst erblüht, klein und zart noch, eine gelb leuchtende Butterblume. Das Geäst um sie herum, die vielen spitzen Stacheln, die Schatten in der Dunkelheit machen ihr große Angst. Sie fühlt sich allein, leuchtet sie doch heller als all die anderen Pflanzen, ungetrübt ihr Dasein. Die anderen wuchern über sie, rüpelhaft nehmen sie die Nährstoffe der reichhaltigen Erde für sich, verpulvern in übermäßiger Verschwendung das Geschenk des Bodens. Die kleine Butterblume leidet, sie fühlt sich schwach, verletzlich und fehl am Platz. Sie will doch einfach nur leuchten, andere an ihrem Glimmer teilhaben lassen, eine Freude und Bereicherung für alle sein. Das Leuchten wird von Tag zu Tag anstrengender und die Butterblume fängt an Dinge in Frage zu stellen. Wieso mache ich mir in einer so dunklen Welt überhaupt die Mühe? Jeden Tag muss ich gegen all das düstere Gestrüpp anleuchten. Wenn sie mein Licht nicht sehen wollen, wenn sie mir die Luft zum Atmen und den Nährboden zum Leben nehmen, dann will ich gar nicht mehr leuchten. Und während die Butterblume so vor sich hin grübelt wächst ihr, ganz unbemerkt, eine erste Dorne. Dann eine zweite, dritte und vierte. Das Leuchten wird gedämpfter, die wunderschönen gelben Blätter werden tief blau. Ein so tiefes Blau, dass man sich darin verliert, es auf den ersten Blick für ein alles Licht absorbierendes Schwarz halten könne. Die Blätter, waren sie doch früher weit weit geöffnet um möglichst viel von dem schönen Leuchten teilen zu können, verschließen sich zu einer schützenden Knospe. Es wird still in der Natur, kein Tier bewegt sich durch das Geäst, kein Vogel singt mehr sein zartes Lied. Dunkelheit breitet sich über alles aus, dicke Regentropfen schlagen wie Geschosse auf dem Boden ein. Das laue Lüftchen bauscht sich auf, stärker und stärker wird es, bis zum ausgemachten Sturm schaukelt es sich hoch. Es reißt und zerrt an allem was sich ihm entgegen wirft, was sich ihm entgegenwirft verliert. Die Bitterblume gibt sich hin, lässt sich mal hier, mal dorthin rütteln und schütteln. Über ihr zerbrechen viele an dem Sturm, zu verschwenderisch sind sie mit dem Nährboden umgegangen. Einige entwurzelt es vollends, sie ächzen kläglich während der gewaltige Wind sie davonträgt. Die Bitterblume bleibt beim Boden, bleibt bei sich. Nach geraumer Zeit klingt der Sturm ab, es weht wieder nur ein laues Lüftchen und Licht dringt bis zur Bitterblume auf den Boden. Zaghaft, scheu und voll von Furcht öffnet sie vorsichtig erst ein, dann zwei und drei Blätter um die Lage zu begutachten. Wo dichtes Gestrüpp, Dornen und rankende Dschungelpflanzen waren, sind nun entwurzelte Stämme und lose herumliegende Äste. Die Bitterblume schämt sich, sieht sie sich doch für den zerstörerischen Sturm in der Verantwortung. Hätte ich nur mehr geleuchtet, so wären all die Pflanzen in meiner Umgebung noch da, wären nicht entwurzelt oder zerstört worden. Während sie trübselig so vor sich hin grübelt hört sie plötzlich ein amüsiertes Lachen. Sie blickt nach links, rechts, vorne und hinten doch kann die Quelle des immer lauter werdenden Lachens nicht identifizieren. Da schaut sie nach oben, nach all der Zeit sieht sie den klaren Himmel, nicht verdeckt durch dorniges Gestrüpp. Im klaren Himmel erkennt sie wer da so herzhaft lacht. Es ist die Sonne. Sie erkennt wie hell sie strahlt, erkennt, dass sie immer schon da war. Sie erkennt, dass die Sonne sie versteht, sie versteht die Sonne. Die blau schwarzen Blätter öffnen sich, sonnen sich voll Wonne im strahlenden Licht das auf sie scheint. Die Sonne erklärt, dass sie nicht immer da sein kann, dass auch Wolken, Stürme und Regen ihre Berechtigung auf der Welt haben. Sie bittet die Blume um Vertretung, ihr Bestes zu geben, in einer dunklen Welt ein kleines, kräftiges Strahlen zu sein. Die Butterblume ist am Sturm gewachsen, sie hat Dornen bekommen, doch ihrer innersten Natur kann sie nicht widerstehen. Sie will und wird immer leuchten. Egal wie dornig die Umgebung, egal wie harsch der Sturm, egal wie düster die Umgebung.
So leuchtet sie, die kleine, zarte Butterblume.